In den letzten Jahren habe ich bemerkt, dass sich etwas verändert hat. Über einen Zusammenhang habe ich allerdings selten bis nie nachgedacht.
Es begann ungefähr 2012 mit ziemlichen Problemen mit der Haut in meinem Gesicht.

Als Teenager hatte ich nie Akne oder größere Unreinheiten. Warum also plötzlich Ende zwanzig?
Ich schob es auf den Stress. Meine Haut war mein Spiegelbild.
Der Stress war tiefsitzend. Nicht einfach zu viel Arbeit. Nein, meine Mutter war schwer erkrankt und ich lebte einen zweistündigen Flug und anschließend noch zwei Stunden Autofahrt von ihr entfernt. Gleichzeitig hatte ich mich mit meinem damaligen Partner entschieden, eine Immobilie zu kaufen.
Zu groß.
Zu viel.
Zu früh.
Zumindest für mich, wie sich später herausstellen sollte.
Ich glaube heute, dass ich damals nach Halt gesucht habe, weil ich lange nicht mit dem Schicksal meiner Mutter zurechtkam.
Die Haut wurde mal besser, mal schlechter. Jahre später machte ich Hormone und die Pille dafür verantwortlich. Eine unglückliche Situation mit einem Arzt im Ausland schien diese Vermutung sogar zu bestätigen.
Ob ich damals schon Schluckbeschwerden hatte? Das weiß ich ehrlich gesagt nichtmehr. Ich weiß nur, dass eigentlich schon damals immer ein Getränk mit auf dem Tisch stand.
2020 wohnte ich inzwischen in Köln und hatte endgültig genug von meiner Haut. Der Hautarzt stellte die Diagnose Rosazea. Als mögliche Auslöser vermutete meine Hautärztin Milch oder Weizen.
Die Medikamente schlugen an und ich begann, zeitweise vegan zu leben.
Das Wasser am Tisch blieb.
Dann kamen die ersten Male, in denen mir Essen im Hals stecken blieb.
Erst selten.
Dann häufiger.
Und irgendwann mit einer Wucht, die sich nicht mehr ignorieren ließ.
Ich erinnere mich an Abende mit Freunden, an denen ich die Pizza langsam und schmerzhaft durch meine Speiseröhre Richtung Magen wandern spürte.
Oder an Mittagessen bei der Arbeit.
Das Wasser half.
Also trank ich einfach mehr davon.
Irgendwann ging es nicht mehr ohne.
Das gleiche Spiel wie damals mit meiner Haut begann von vorne.
Ich suchte Erklärungen.
Ich sitze nicht gerade.
Ich schlinge.
Ich habe zu schnell gegessen.
Ich habe Stress.
Das erste Mal, dass ich auf eine Toilette rennen musste, weil das Essen einfach nicht hinunter wollte, weiß ich noch wie gestern.
Ich war mit Freunden feiern gewesen. Auf dem Heimweg hielten ein Freund und ich noch an einem Dönerladen und beschlossen, den Döner direkt dort zu essen.
Ich hatte Wasser.
Aber diesmal half es nicht.
Der Bissen blieb einfach stecken.
Panik.
Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, deutete nur an, dass ich kurz auf die Toilette müsse.
Dort musste ich mich schließlich übergeben.
Erleichterung.
Meine Erklärung?
Zu wenig gekaut.
Geschlungen.
Zu viel geredet.
Der Abend war schnell vergessen.
Oder vielleicht eher verdrängt.
Bis er sich wiederholte.
Abendessen mit meinem heutigen Mann – damals noch mein Freund.
Er hatte Steak gemacht.
Und plötzlich sprang ich auf und rannte zur Toilette.
Kurze Zeit später waren wir mit Freunden essen.
Wieder sprang ich auf.
Wieder sagte ich: „Ich habe mich verschluckt.“
Wieder rannte ich zur Toilette.
Ich stand in der Kabine und starrte die Wand vor mir an.
Ich hüpfte auf und ab, in der Hoffnung, das Essen würde weiterrutschen.
Ich steckte mir den Finger in den Hals.
Immer wieder.
Vergeblich.
Bis irgendwann die Erlösung kam und ich den Bissen wieder nach oben würgen konnte.
Meine Erklärung am Tisch?
„Puh … ich habe mich aber ordentlich verschluckt. Sowas ist mir auch noch nie passiert.“
Eine glatte Lüge.
Damals dachte ich zum ersten Mal, dass irgendetwas nicht stimmen könnte.
Der finale Akt folgte bei einem Abendessen mit meinem Mann – inzwischen waren wir verheiratet.
Wir waren bei uns um die Ecke Schnitzel essen.
Und boom.
Da war es wieder.
Das Cordon Bleu steckte in meiner Speiseröhre fest.
Ich griff nach meinem Glas.
Nur war diesmal kein Wasser darin.
Sondern Bier.
Das Bier schäumte mir sofort wieder die Speiseröhre hinauf bis in den Mund.
Ich rannte in Panik zur Toilette.
Das Bier kam zurück.
Das Fleisch nicht.
Es dauerte lange, bis endlich die Erlösung kam und ich das feststeckende Stück Fleisch wieder loswurde.
Ich nahm mir fest vor, das endlich abklären zu lassen.
In der Realität sorgte ich aber einfach nur noch dafür, dass immer Wasser auf dem Tisch stand.
Bis Weihnachten wurde.
Zur Einordnung: Wir sind inzwischen im Jahr 2024.
Ich saß mit meiner Tante in der Küche. Während sie das Essen anrichtete, unterhielten wir uns und ich naschte schon einmal von der kalten Aufschnittplatte.
Dann wurde ich unterbrochen. Nicht von meiner Familie.
Sondern von einem Stück Kabanossi, das sich in meiner Speiseröhre verkeilt hatte.
Mist! Kein Wasser. Nur Sekt.
Wie selbstverständlich stand ich auf, ging zum Schrank, nahm ein großes Glas, füllte es bis zum Rand mit Wasser und trank.
Und trank.
Und trank.
Endlich spürte ich diesen erlösende Schmerz.
Es hatte sich gelöst.
Ich ging zurück an den Tisch und sprach einfach weiter.
Nur war ich die Einzige, die wieder entspannt wirkte.
Meine Tante schaute mich ungläubig an und stellte mir eine Frage, die mir bis dahin noch niemand gestellt hatte.
„Passiert dir das öfter?“