Heute sind es genau 493 Tage seit meiner Diagnose.
Ich habe zwischenzeitlich gelernt – na ja, sagen wir: weitestgehend gelernt, gut damit zu leben.
Ich versuche, nicht jedes Zwicken zu interpretieren. Das gelingt mal besser, mal schlechter.
Auch wenn mir einmal ein kleiner Fehler passiert, weiß ich rational, dass es nicht die tragischste Sache der Welt ist. Und trotzdem ist sie da.
Die Enttäuschung.
Lautstark in meinem Kopf.
Oder wenn nach all der Mühe, der Disziplin und den Einschränkungen das Ergebnis der Kontrollspiegelung lautet: „Es liegt noch eine Entzündung vor. Die EoE ist noch aktiv.“
Ich weiß, dass Heilung Zeit braucht. Ich weiß, dass es ein Prozess ist.
Und trotzdem lähmt mich die Enttäuschung.
Ich brauche dann ein paar Tage, um mich zurück in mein neues Normal zu kämpfen.
Oder beim Restaurantbesuch.
Man schlägt die Speisekarte auf und entdeckt eine glutenfrei deklarierte Spaghetti Bolognese. Man ist die einzige Person am Tisch, die trotzdem nur einen Tee bestellt und sich mehrfach erklären muss, warum man dieser Kennzeichnung nicht vertraut. Und warum das nichts mit Undankbarkeit zu tun hat.
Für einen Moment fragt man sich, ob man überhaupt noch für solche sozialen Situationen gemacht ist.
Oder wenn die Servicekraft zuerst aufmerksam alle Unverträglichkeiten notiert – und kurz darauf Brot, Dips oder den Gruß aus der Küche auf den Tisch stellt.
Sofort beginnt der Kopf zu arbeiten.
„Haben sie mich richtig verstanden?“
„Kann ich dem jetzt vertrauen?“
Oder wenn man mit Freunden essen gehen möchte und vorher vier oder sechs Speisekarten online durchforstet, um überhaupt ein Restaurant zu finden.
Plötzlich ist man wieder der limitierende Faktor.
Der Satz „Wir finden schon etwas für dich.“ löst bei mir längst keine Erleichterung mehr aus, sondern einen Schauer über den Rücken.
Der Satz „Wir finden schon etwas für dich.“ löst bei mir längst keine Erleichterung mehr aus, sondern einen Schauer über den Rücken.
Oder wenn sich jemand unglaublich viel Mühe gibt und extra für mich kocht oder backt. Eigentlich ist das eine wunderschöne Geste.

Und trotzdem ertappe ich mich dabei, skeptisch nachzufragen oder im Zweifel lieber abzulehnen, weil etwas als gluten- und laktosefrei bezeichnet wird – obwohl ich weiß, dass das für meine Erkrankung nicht automatisch ausreicht.
Wenn ich meine EoE mit einer Emotion beschreiben müsste, dann wäre es nicht Angst.
Nicht Wut.
Nicht Trauer.
Sondern Enttäuschung.
Nicht die Enttäuschung über mein Umfeld. Ganz im Gegenteil. Die Menschen um mich herum geben sich unglaublich viel Mühe.
Es ist die Enttäuschung über die Situation.
Über den nächsten Fehler.
Über den nächsten Rückschlag.
Über das nächste Arztgespräch.
Als Mensch, der gerne alles kontrolliert, sich vorbereitet und Lösungen findet, trifft mich genau das an der EoE immer wieder.
Wie ein Sack Zement.
Meistens dann, wenn ich es am wenigsten erwarte.
Enttäuschung.
Enttäuschung darüber, spürbar anders zu sein.
Enttäuschung darüber, dass Leichtigkeit plötzlich so viel Planung braucht.
Enttäuschung darüber, den Kopf nie ganz ausschalten zu können.
Und Enttäuschung darüber, dass genau in dem Moment, in dem es doch einmal gelingt, oft schon die nächste Enttäuschung wartet.

